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Glaubwürdige Romanfiguren erschaffen – Psychologische Methoden für lebendige Buchfiguren

  • Autorenbild: Rena
    Rena
  • 17. Jan. 2020
  • 3 Min. Lesezeit

Authentische Buchfiguren entwickeln – mit psychologischem Werkzeugkasten


Spannende Romane leben nicht von perfekten Plots, sondern von Figuren, die sich echt anfühlen. Von Charakteren, deren Entscheidungen man vielleicht nicht immer gut findet, aber versteht. Und von Emotionen, die beim Lesen hängen bleiben.


Die Frage ist nur: Wie kommt man dahin?


Ein Ansatz, auf den ich beim Entwickeln von Figuren immer wieder zurückgreife, stammt aus der Psychologie. Das liegt nahe – schließlich beschäftigt sich die Psychologie genau mit dem, was wir Autor*innen brauchen: menschlichem Verhalten, Motiven und inneren Konflikten.


Persönlichkeitstests als Inspirationsquelle


Ein besonders praktisches Werkzeug sind Persönlichkeitstests. Nicht, um Figuren in starre Schubladen zu pressen, sondern um Denkweisen greifbar zu machen.

Plattformen wie 16personalities bieten einen guten Überblick über verschiedene Persönlichkeitstypen, inklusive typischer Stärken, Schwächen, Kommunikationsstile und innerer Konflikte. Gerade wenn man selbst zu einem bestimmten Typ neigt (viele Schreibende finden sich zum Beispiel bei den „Mediator“-Typen wieder), hilft das enorm dabei, Figuren zu entwerfen, die ganz anders ticken.


Der Mehrwert liegt weniger im Testergebnis als in den Beschreibungen:

Wie geht dieser Typ mit Stress um? Wie mit Kritik? Wo liegen blinde Flecken?

Daraus lassen sich Backstory, Konfliktpotenzial und Figurenentwicklung fast nebenbei ableiten.

Es gibt auch andere Tests, bei denen man den Fragebogen tatsächlich ausfüllen muss, statt direkt in den Typbeschreibungen zu stöbern. Sie eignen sich ebenfalls gut zur Inspiration – kosten aber etwas mehr Zeit.


Wichtig ist mir dabei immer der gleiche Punkt:Menschen lassen sich nicht sauber typisieren. Romanfiguren auch nicht. Gerade deshalb wirken sie glaubwürdiger, wenn sie in bestimmten Situationen gegen ihren eigentlichen Typ handeln. Persönlichkeitstests liefern also kein Korsett, sondern Rohmaterial.


Innere Antreiber: Was treibt deine Figur wirklich an?


Noch spannender als Persönlichkeitstypen finde ich die sogenannten inneren Antreiber aus der Transaktionsanalyse. Sie beschreiben innere Glaubenssätze, die unser Verhalten lenken – oft unbewusst.


Typische Antreiber sind zum Beispiel:

  • Sei stark

  • Sei perfekt

  • Mach es allen recht

  • Beeil dich

  • Streng dich an


Fast jede Person folgt mehreren dieser Antreiber, unterschiedlich stark ausgeprägt. Und genau hier liegt enormes erzählerisches Potenzial.


„Sei stark“Diese Figur erlaubt sich keine Schwäche. Gefühle werden kontrolliert, Probleme allein gelöst. Nach außen wirkt sie souverän, fast unerschütterlich. Innerlich sieht es oft anders aus. Für Ermittlerinnen, Anführerinnen oder Menschen mit Verantwortung ist das ein naheliegender Antreiber – vor allem dann, wenn er im Laufe der Geschichte Risse bekommt.


„Sei perfekt“Anerkennung gibt es hier nur für fehlerfreie Leistung. Diese Figuren setzen sich selbst massiv unter Druck und haben große Angst zu scheitern. Sie investieren überdurchschnittlich viel Energie – und verlieren dabei oft den Blick für ihre eigenen Grenzen. Interessant wird es, wenn Perfektion plötzlich nicht mehr möglich ist.


„Mach es allen recht“Nein sagen? Schwierig. Eigene Bedürfnisse? Nachrangig. Dieser Antreiber eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt für eine Figurenentwicklung: eine Person, die zu nett ist, zu angepasst – und lernen muss, sich selbst ernst zu nehmen.


„Beeil dich“Stillstand fühlt sich bedrohlich an. Alles muss schnell gehen, gleichzeitig, sofort. Diese Figuren sind ständig in Bewegung, oft nervös, manchmal chaotisch. Für Nebenfiguren oder Kinder funktioniert das sehr gut. Als Hauptfigur über einen ganzen Roman hinweg kann es anstrengend werden – was nicht heißt, dass es unmöglich ist.


„Streng dich an“Leistung zählt nur, wenn sie hart erarbeitet wurde. Hilfe annehmen fällt schwer, weil sie als Schwäche empfunden wird. Diese Figuren vergleichen sich permanent mit anderen und haben Angst, nicht zu genügen. Ihr Entwicklungspotenzial liegt oft im Vertrauen: in andere – und in sich selbst.


Mehrere Antreiber = mehr Tiefe


Kaum eine Figur wird von nur einem Antreiber gesteuert. Erst die Kombination macht sie interessant.Eine Person kann gleichzeitig perfekt sein wollen und es allen recht machen. Oder stark wirken, aber innerlich vom „Streng dich an“-Antreiber getrieben sein.


Wenn du dir diese inneren Mechanismen bewusst machst, reagieren deine Figuren automatisch konsistenter. Und ja: Ausnahmen sind erlaubt – und manchmal sogar besonders spannend. Eine Figur, die ihren dominanten Antreiber scheinbar im Griff hat, kann überraschend kippen, wenn der Druck steigt.


Psychologie als Ideenfundus


Persönlichkeit und Antreiber sind nur ein Ausschnitt. Psychologische Modelle lassen sich fast überall einsetzen:

  • Geht es um Trennung oder Tod, können Trauer- und Verlustmodelle helfen.

  • Bildet sich eine Gruppe, lohnt sich ein Blick auf Rollenverteilungen und Gruppendynamiken.

  • Macht, Abhängigkeit, Schuld, Scham – zu all dem gibt es fundierte Konzepte.


Kurz gesagt: Wann immer Menschen miteinander zu tun haben, gibt es psychologische Erkenntnisse dazu.


Und wenn du beim Schreiben festhängst oder nach neuen Impulsen suchst, ist Psychologie oft ein überraschend ergiebiger Startpunkt. :-)


Falls du trotzdem nicht vorankommst, kannst du dich auch gerne bei mir für eine Coachingstunde melden. Dann besprechen wir deinen Plot und mögliche Ansatzpunkte.

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Mitglied im Verband der freien Lektorinnen und Lektoren  sowie der Vereinigung deutscher Liebesromanautor:innen

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